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Film-Konzepte
Begründet von Thomas Koebner
Thomas Koebner, Fabienne Liptay (Hg.)
Heft 1
Komödiantinnen
Januar 2006, 173 Seiten, zahlreiche s/w-Abbildungen ISBN 3-88377-821-4
€ 14,00
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Komödiantinnen
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Jamie Lee Curtis (*1958) - Zum Schreien von Jörg Gerle |
 | Jamie Lee Curtis zusammen mit John Cleese in »A Fish Called Wanda«
(Ein Fisch namens Wanda, USA 1988) |
Die schulterlangen Haare sind onduliert wie frisch aus dem Gard-Haarstudio, eine beigefarbene Zopfstrickjacke verdeckt nur unzureichend den schwarzen Rollkragenpulli samt knielangem Blümchenrock. Und als ob all das nicht genug wäre, machen molligweiße Baumwollstrümpfe und fahlbraune Schnallenschuhe das Atmen der Haut fast unmöglich. Kaum zu glauben, dass dieser so verschüchterte Babysitter aus Halloween (Halloween – Die Nacht des Grauens, USA 1978) später einmal verzweifelt schreiend einen Drahtbügel in das Auge eines Serienkillers stechen und ein Bratenmesser zwischen die Rippen des einfach nicht tot zu kriegenden Monsters stoßen wird.
Jamie Lee Curtis repräsentierte schon in ihren späten Teenagerjahren, als sie in Halloween zur unbestrittenen Scream-Queen des gehobenen Splatterfilms avancierte, eine Schönheit, die nicht selten in züchtige Kostüme gesteckt wurde. Eines gehörte indes über Jahrzehnte sicherlich nicht zu ihren Markenzeichen: Humor. Wenn es in den 1980er Jahren nach dem Willen einiger Jugendschützer gegangen wäre, hätten Jamie Lee Curtis’ frühe Filme den geforderten Bannstrahl nicht überlebt. Erst viel später wäre man auf die Tochter von Tony Curtis und Janet Leigh aufmerksam geworden und hätte nicht mitbekommen, dass ihr furioser Karrierebeginn so gar nicht nach dem Vater kam, der sich für Billy Wilder Frauenkleider anzog (Some Like It Hot/Manche mögen’s heiß, USA 1959), eher schon nach ihrer Mutter, die sich für Alfred Hitchcock von Anthony Perkins in der Dusche abschlachten ließ (Psycho, USA 1960). »I’ve been saying this for twenty years and nobody ever takes me seriously. I can’t see a horror movie. I hate them!« (1), hat man Jamie Lee Curtis auch noch nach ihrem Jubiläumsauftritt in Halloween H20: 20 Years Later (Halloween H20: 20 Jahre später, USA 1998) sagen hören – ein Postulat, das man ihr angesichts ihrer permanenten Auftritte im Splatter-Genre nicht wirklich abnehmen will. Aber immerhin: Ein wenig hat sie sich im Laufe ihrer 52 Film- und Fernsehauftritte vom Image des aufbegehrenden Opferlamms emanzipiert.
»Although it was very good to be at the head of a genre of films, I knew if I continued the horror it would be harder and harder to ever do anything else« (2).So wurde aus dem schönen Michael-Myers-Widersacher Laurie Strode nach sechs Horrorfilmen in Folge das gemeuchelte Playmate Dorothy Stratten in dem TV-Film Death of a Centerfold: The Dorothy Stratten Story (USA 1981). Und da die Wege in Hollywood nicht so unergründlich sind wie die des Herrn, liegt der Charaktersprung von der Scream-Queen über das leichte Mädchen hin zur ersten Rolle in einer Erfolgskomödie auf der Hand: Paramount und Regisseur John Landis brauchten für Trading Places (Die Glücksritter, USA 1983) eine Prostituierte, die nicht auf den Mund gefallen ist – voilà! In der Rolle der Ophelia hatte Jamie Lee Curtis nur zweierlei zu sein: sexy und unkomisch. Ihr kleiner, aber prägnanter Part war es, Dan Ackroyd ins soziale Aus zu manövrieren, um dann mit Köpfchen, Geld und den Waffen der Frau alles wieder ins Lot zu bringen. Trading Places wurde ein Kassenschlager und Curtis mit dem British Academy Award für die beste Nebenrolle belohnt. Ohne es wirklich darauf angelegt zu haben, hatte die »wider die Schubladen« arbeitende Schauspielerin eine handfeste Komödie in ihrer Filmografie.
Für fünf weitere lange Jahre blieb dies trotzdem die Ausnahme, bis sich dem angestrebten Paradigmenwechsel 1988 eine neue Möglichkeit eröffnen sollte. John Cleese, Kopf und Herz der englischen Anarchokomikertruppe Monty Python, schrieb ein bahnbrechendes Script über eine Gruppe Gauner, die sich nach allen Regeln der Kunst selber übers Ohr hauen. Die tragenden (Neben-)Rollen in A Fish Called Wanda (Ein Fisch namens Wanda, USA 1988) bekleiden allerdings zwei Amerikaner: Kevin Kline als cholerischer Hitman Otto (der dafür mit dem Oscar für die beste Nebenrolle ausgezeichnet wurde) und Jamie Lee Curtis als dessen Schwester bzw. Geliebte Wanda Gershwitz, die mit ihrem unwiderstehlichen Sex-Appeal den Männern (allen voran John Cleese als ehrwürdigem Anwalt Archie Leach) berechnend den Kopf verdreht. Neben den äußerlichen Vorzügen sind es wieder einmal die Wortgewandtheit und das Gefühl für Timing, die Curtis als Komödiantin auszeichnen. Spätestens jetzt entwickelt sich eine Qualität in ihrem Spiel, die man als komödiantisches Markenzeichen definieren könnte. Wenn sie in hautengen Leoparden-Hotpants, frecher Kurzhaarfrisur und perfekt geglossten Lippen in stoischer Ernsthaftigkeit brillante Spitzfindigkeiten von sich gibt; wenn sie in überlegener Genervtheit die Kurzsichtigkeit ihrer Kontrahenten mit einem Augenschlag abtut, dann ist Jamie Lee Curtis in ihrem Element. Vorausgesetzt, man legt ihr kluge Halbsätze in den Mund, ist sie zum Schreien komisch. Der Beweis, dass dies mehr als nur ein notwendiges Detail für ihr Komödiencharisma ist, liefert der Zweiteiler My Girl (My Girl – Meine erste Liebe, USA 1991; My Girl 2 – Meine große Liebe, USA 1994) sowie das arg verspätete A Fish Called Wanda-Follow up Fierce Creatures (Wilde Kreaturen, USA 1996), in dem die schöne und ernste Jamie Lee Curtis aufgrund einfallsloser Drehbücher bestenfalls unkomisch, schlimmstenfalls peinlich daherkommt. Umgekehrt kann sie auf der Grundlage ausgefeilter Dialoge amüsant sein, auch wenn der Film nicht dezidiert ins Komödienfach gehört: In James Camerons Arnold-Schwarzenegger-Vehikel True Lies (True Lies – Wahre Lügen, USA 1994) trägt sie mit ihrer ernsten Verschmitztheit auch die actionfreien Passagen des Krimiabenteuers mühelos. Dass auf der anderen Seite der Versuch, aus vollem Herzen komisch zu sein, mit allen nur erdenklichen mimischen und gestischen Facetten auftrumpfen zu wollen, sich für Jamie Lee Curtis nicht als günstig erweist, hat Freaky Friday (Freaky Friday – Ein voll verrückter Freitag, USA 2003) in aller Eindrücklichkeit bewiesen. Freaky Friday ist die totale Komödie: Eine chronisch überlastete, übermutterhafte Psychotherapeutin tauscht in einem Asia-Restaurant dank der übernatürlichen Kräfte einer Kellnerin die Seele mit ihrer anarchischen Rockertochter. Es ist die willkommene Chance für eine Komödiantin, den Habitus einer gluckenhaften all-American mother mit dem einer flippigen Freigeistgöre in einem Film – in einer Person gar – zu vereinen. Doch blättert erst einmal die Fassade aus erotischer Unnahbarkeit und seriöser Überlegenheit, bleibt bei Jamie Lee Curtis nur das komödiantische Unvermögen. Denn nichts steht einer Respektsperson weniger als Albernheit. Der Versuch eines weißen Clowns, der dumme August zu sein, kann nur im Desaster enden.
Selten ist es möglich, für einen Augenblick ein Image zu überwinden, sowohl die Scream-Queen als auch die Sexbombe hinter sich zu lassen, um ganz anders ein Meisterstück zu gestalten; dafür ist Rona Mace das beste Beispiel: Sie zeigt, dass Vokuhila nicht nur Fußballer entstellt, dass ein abgewracktes Porsche-Sonnenbrillenimitat nicht nur Zuhältern schlecht zu Gesicht steht, dass beides in Kombination mit fahldunkelroten Lippen aus einer Frau die Ausgeburt einer Proletarierin macht. Die braune Kunstlederjacke verdeckt nur unzureichend das weiß beschürzte, orangefarbene Waitress-Kostümchen, als wir sie das erste Mal durch die verstaubten Straßen der erbärmlichen Vorstadt Verplanck, New York, stapfen sehen. In den nächsten 95 Minuten von Drowning Mona (Der Fall Mona, USA 2000) erlebt der Zuschauer, wie Jamie Lee Curtis ihr Image mit den eigenen Mitteln besiegt, ohne ihm wirklich untreu zu werden. Als »nuttiger Griesgram«, der – wie sämtliche andere Bewohner des Nests auch – als Hauptverdächtiger im Mordfall Mona Dearly firmiert, ist sie ernster und daher komischer als je zuvor. Für Produzent Al Corley war gerade ihre Fähigkeit, einen nicht besonders hellen Charakter wie den der Rona Mace mit viel Intelligenz und Ernsthaftigkeit zu verkörpern, der ausschlaggebende Grund, Jamie Lee Curtis nur scheinbar gegen den Strich zu besetzen. So hat Curtis die besten Szenen, wenn sie sich hyperaktiv und zickig gibt und in aller Beiläufigkeit knochentrockene Pointen zischt. Regisseur und Co-Drehbuchautor Nick Gomez haben in ihrem Film par excellence zelebriert, dass die komischsten Momente aus der Mischung von Ernsthaftigkeit und richtigem Timing entstehen. Lässt man Jamie Lee Curtis in einem solchem Klima freien Lauf, offenbart die Komödie ihre besseren Momente.
1 Jamie Lee Curtis im Bonusmaterial der DVD Halloween – 25th Anniversary Edi-tion, Anchor Bay (GB), ABD4263. — 2 Ebenda |
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