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Diplomat aus der Steppe.
Eine überfällige Studie zu Leben und Werk Tschingis Aitmatows
Klaus-Peter Walter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 7. Dezember 1993
Wohl kaum ein russischer Gegenwartsautor erreicht international ein so großes Publikum wie Tschingis Aitmatow. Werke wie die Erzählung »Dshamilia«, die Louis Aragon im Überschwang einmal die »schönste Liebesgeschichte der Welt« genannt hat, und der facettenreiche Perestrojka-Roman »Der Richtplatz« aus dem Jahr 1987 haben den russisch schreibenden Kirgisen bekannt gemacht. In seinen Werken verbinden sich europäische Erzähltraditionen und politisch-ökologische Themen mit den Mythen asiatischer Steppenvölker. Das spricht den ideologisch entwurzelten, um neue ethische Maßstäbe ringenden postsowjetischen Leser ebenso an wie den zivilisationsmüden Westeuropäer.
In letzter Zeit freilich war weniger vom Schriftsteller denn vom Diplomaten und Philosophen Aitmatow zuhören. Vielleicht nur noch Anatolij Rybakow und Wladimir Dudinzew verbanden ihr persönliches Schicksal und ihre künstlerische Existenz so ausschließlich mit Michail Gorbatschows Reformpolitik wie er. Gorbatschow entsandte ihn als Botschafter nach Luxemburg, und das hohe Maß an Zivilcourage, das Aitmatow in den Tagen des »August-Putsches« im Jahre 1991 als entschiedener Gegner des rebellierenden Vizepräsidenten Panajew bewies, machte ihn zu einer moralischen Institution. Im vergangenen Jahr erschien unter dem Titel »Begegnung am Fudschijama« ein »Dialog« (Untertitel) mit dem Japaner Daisaku Ikeda. Die tiefgründigen Reflexionen zeigen deutlich, daß der elder statesman der russischen Literatur nicht Alexander Solschenizyn heißt, sondern Tschingis Aitmatow.
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