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07.07.2003
Beschreibung eines Beschreibers

23.06.2003
Ausgehend vom Labesweg 13

16.06.2003
Die listige Vernunft der Poesie

02.06.2003
Das Theater des Friedrich Dürrenmatt

26.05.2003
Was bin ich?

19.05.2003
Krieger, Waldgänger, Anarch

12.05.2003
Über den RUF und die Gruppe 47

05.05.2003
Zur Literatur der 50er Jahre

28.04.2003
Die deutsche Literatur seit 1945: Nachkriegszeit

Zweite Vorlesung, 05. Mai 2003

Zur Literatur der 50er Jahre
Aufriss

Traditionelle Erzähler
Was für die Lyrik der vierziger und fünfziger Jahre gilt, trifft auch zu für die Erzählliteratur: Die traditionellen Formen und Themen überwogen.
Die Literatur im »Dritten Reich« hatte mit der Macht kollaboriert oder sich in den selteneren Fällen abgesetzt in unverbindliche Historien- oder Mythenmalerei; Romane wie Werner Bergengruens »Der Großtyrann und das Gericht« (1935) oder Reinhold Schneiders »Las Casas vor Karl V.« (1938) und Ernst Jüngers Erzählung »Auf den Marmorklippen« (1939) waren seltene Ausnahmen – Bücher mit sprachlich und formal traditionellen Erzählmustern.
Die Neuorientierung der Erzählliteratur begann nicht mit ästhetischen oder formalen Innovationen, sondern inhaltlich mit Aufarbeitungen der Vergangenheit: Theodor Plieviers »Stalingrad« (1945), Erich Maria Remarques »Arc de Triomphe« (1946), Walter Kolbenhoffs »Von unserm Fleisch und Blut« (1947), Hans Werner Richters »Die Geschlagenen« (1949) und Gert Ledigs »Stalinorgel« (1955) – einige der wichtigsten frühen Romane, die mit Krieg und Nazi-Herrschaft abrechneten – folgen allesamt traditionellen Realismuskonzepten. Drei andere damals viel gelesene Romane – Hermann Hesses »Glasperlenspiel« (1943), Elisabeth Langgässers »Das unauslöschliche Siegel« (1946) und Hermann Kasacks »Die Stadt hinter dem Strom« (1947) –meist mythische und mystifizierende Deutungen der Zeitsituation.

Literatur des Erinnerns
Die Schubladen waren meist leer: Es gab nur wenige Aufzeichnungen oder Tagebücher als Zeugnisse der Zeit von 1933 bis 1945. So wurden erst 1956 die Tagebücher »Unter dem Schatten deiner Flügel« von Jochen Klepper publiziert, der Ende 1942 mit seiner jüdischen Frau und Tochter aus dem Leben geschieden war.
Zwei Jahre zuvor war von Reinhold Schneiders »Verhüllter Tag« erschienen, eine Form zwischen Autobiographie und Tagebuch.
1950 erschien eines der erschütterndsten Tagebücher aus dem Zweiten Weltkrieg: »Das Tagebuch der Anna Frank«.
Eine charakteristische Literaturform der Nachkriegszeit bis zum Ende der fünfziger Jahre war die Autobiographie: bald nach 1945 in Vorformen als Berichte Gefangener über ihre Erlebnisse in Strafanstalten und Konzentrationslagern wie »Memorial« von Günther Weisenborn und Luise Rinsers »Gefängnistagebuch«, später in immer breiterer Streuung als Memoiren oder autobiographische Rechtfertigungsliteratur unterschiedlichster Provenienz und Absicht.
Beispiele: »Arnolt Bronnen gibt zu Protokoll«, Alfred Andersch »Kirschen der Freiheit«, Ernst von Salomon »Der Fragebogen«, Wolfgang Leonhard »Die Revolution entläßt ihre Kinder«, Arthur Koestler »Sonnenfinsternis«. Gustav Reglers Autobiographie »Das Ohr des Malchus«, Klaus Mann »Der Wendepunkt«, die erweiterte deutsche Fassung seines in den USA erschienenen autobiographischen Berichts »The turning point«; Peter Bamms Bericht »Die unsichtbare Flagge«; Hans Erich Nossacks Bericht »Der Untergang« [Texte aus fast all diesen Büchern in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 1-4 - aber ich empfehle: LESEN SIE EINIGE DIESER BÜCHER SELBST UND GANZ]
In dieser Zeit sind auch viele autobiographische Bücher von Ex-Generälen der Wehrmacht, Ärzten und anderen prominenten Funktionsträgern des »Dritten Reichs« erschienen. Alle wollten Dokumente und Rechtfertigungen ihrer Zeitgenossenschaft während der zwanziger Jahre und im »Dritten Reich« übermitteln.

Ernst Jüngers Distanz
Zur Literatur des Erinnerns gehören auch die Kriegstagebücher Ernst Jüngers. »Strahlungen«,1949, und »Jahre der Okkupation«, 1958 (Texte daraus auch in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 2 und 4). Noch im »Dritten Reich«, 1942, publizierte er »Gärten und Straßen«, Tagebücher vom Kriegsausbruch und vom Einmarsch in Frankreich, den Jünger als Hauptmann mitmachte - Notat vom 26.9.1939: »So hört man, im oft dämonischen Konzert der Stürme, den Ruf des Vaterlandes und kann nicht fehlen, wenn man ihm gehorcht.« In Paris arbeitete Jünger im Stab des Oberbefehlshabers, verkehrte mit französischen Künstlern und Schriftstellern, entwarf für die Zeit nach dem Krieg eine »Friedensschrift« – und verstand sich vor allem als Beobachter, als ein, wie er immer wieder betonte, Seismograph seiner Zeit.
Eine typische Notiz in den »Strahlungen« (nach der Erstausgabe von 1949, der Text wurde später verändert), vom 18. August 1942:
»In einem Papiergeschäft der Avenue de Wagram ein Notizbuch gekauft; ich war in Uniform. Ein junges Mädchen, das dort bediente, fiel mir durch den Ausdruck seines Gesichtes auf; es wurde mir deutlich, daß es mich mit erstaunlichem Haß betrachtete. Die hellen, blauen Augen, in denen die Pupillen zu einem Punkte zusammengezogen waren, tauchten ganz unverhohlen mit einer Art von Wollust in die meinen – mit einer Wollust, mit der vielleicht der Skorpion den Stachel in seine Beute bohrt. Ich fühlte, daß es derartiges doch wohl seit langem nicht unter Menschen gegeben hat. Auf solchen Strahlenbrücken kann nichts anderes zu uns kommen als die Vernichtung und der Tod. Auch spürt man, daß es überspringen möchte wie ein Krankheitskeim oder ein Funke, den man in seinem Innern nur schwer und nur mit Überwindung löschen kann.«
[Über Ernst Jünger trage ich noch ausführlich in der 4. Vorlesung vor.]

Gegen »Kalligraphie«
Gustav René Hocke 1946 in der Zeitschrift »Der Ruf« über »Deutsche Kalligraphie«: »Als wesentlich stellt es sich dar, dass er (der Schriftsteller) heute zur Umwelt ein unmittelbares Verhältnis gewinnt und die Sprache seiner Zeit und seiner Über-Zeit versteht – und schreibt.« (der ganze Text in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 1, S. 201)
Wolfgang Weyrauchs Anthologie »Tausend Gramm« (1949) nannte Erzählungen junger Schriftsteller »neue Geschichten«. Sie entsprachen einer notwendig neuen Sprache. Themen aus jüngster Vergangenheit und konkreter Gegenwart, aus unmittelbar erfahrener Kriegs- und Nachkriegszeit. - »Trümmer-Literatur« nannte Heinrich Böll diese junge deutsche Literatur:
»Die ersten schriftstellerischen Versuche unserer Generation nach 1945 hat man als Trümmerliteratur bezeichnet, man hat sie damit abzutun versucht. Wir haben uns gegen diese Bezeichnung nicht gewehrt, weil sie zu Recht bestand: tatsächlich, die Menschen, von denen wir schrieben, lebten in Trümmern, sie kamen aus dem Kriege, Männer und Frauen in gleichem Maße verletzt, auch Kinder. Und sie waren scharfäugig, sie sahen. Sie lebten keineswegs in völligem Frieden, ihre Umgebung, ihr Befinden, nichts an ihnen und um sie herum war idyllisch, und wir als Schreibende fühlten uns ihnen so nahe, daß wir uns mit ihnen identifizierten. (...)
Wir schrieben also vom Krieg, von der Heimkehr und dem, was wir im Krieg gesehen hatten und bei der Heimkehr vorfanden: von Trümmern; das ergab drei Schlagwörter, die der jungen Literatur angehängt wurden: Kriegs-, Heimkehrer- und Trümmerliteratur.
Die Bezeichnungen als solche sind berechtigt: es war Krieg gewesen, sechs Jahre lang, wir kehrten heim aus diesem Krieg, wir fanden Trümmer und schrieben darüber. Merkwürdig, fast verdächtig war nur der vorwurfsvolle, fast gekränkte Ton, mit dem man sich dieser Bezeichnung bediente: man schien uns zwar nicht verantwortlich zu machen dafür, daß Krieg gewesen, daß alles in Trümmern lag, nur nahm man uns offenbar übel, daß wir es gesehen hatten und sahen, aber wir hatten keine Binde vor den Augen und sahen es: ein gutes Auge gehört zum Handwerkszeug des Schriftstellers.« (Vgl. HLA: »Die westdeutsche Literatur«, München 1998, S. 31 und 162)
Die jungen deutschen Schriftsteller wollten nach 1945 tabula nova machen, an einem Nullpunkt beginnen, einen literarischen »Kahlschlag« setzen, wie Wolfgang Weyrauch es im Nachwort zu seiner Anthologie »Tausend Gramm« genannt hat (in HLA, dtv-Anthologie, Bd.2, S. 26 ff – dort auch einige der Geschichten).
Die Begriffe Nullpunkt und Kahlschlag und Heinrich Bölls Bekenntnis zur Trümmer-Literatur charakterisierten die moralische und formale Verfassung der jungen westdeutschen Literatur.

Eine neue Sprache
Die ersten literarischen Wortführer in dieser Zeit waren Wolfgang Borchert und Heinrich Böll. Borcherts Hörspiel und Stück »Draußen vor der Tür«, 1947 uraufgeführt, und Heinrich Bölls frühe Erzählungen, darunter »Der Zug war pünktlich« von 1949, artikulieren beispielhaft ein Generationsgefühl, das vor allem Reaktion auf vorgefundene und selbst erlebte Geschichte war.
Borchert schrieb in seinem posthum veröffentlichten Pamphlet »Das ist unser Manifest«: »Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die, (...) die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktion.« (in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 2, S.66)
Diese schmucklose Sprache schrieben sehr bewusst außer Böll und Borchert damals auch einige andere Autoren; so Günter Eich in einigen Erzählungen und vor allem Wolfdietrich Schnurre. Seine Erzählung »Das Begräbnis« (in HLA, dtv-Anthologie, Bd.2, S. 402) handelt vom Ende der menschlichen Hoffnung auf Besserung und vom Tode Gottes. Es war der erste Text, der auf der ersten Zusammenkunft der späteren »Gruppe 47«-Autoren im September 1947 gelesen wurde.

Gesellschaftliche Restauration und literarischer Nonkonformismus
Mit den beiden Währungsreformen in den drei Westzonen und der sowjetisch besetzten Zone wurde 1948 der Keim für die Teilung Deutschlands gelegt, die 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik vollzogen worden war.
Wolfgang Borchert und Heinrich Böll waren die Protagonisten einer gerade noch gesamtdeutsch zu nennenden Literatur, deren Autoren recht unmittelbar auf ihre Erfahrungen im Krieg und im nationalsozialistischen Deutschland antworteten. Die dann für die fünfziger Jahre charakteristische nonkonformistische Literatur von Heinrich Böll bis Arno Schmidt reagierte kritisch auf die Wirtschafts- und Konsumgläubigkeit der Deutschen und auf das Wiederauftauchen alter Nazis in Wirtschaft und Bürokratie.

Heinrich Böll
»Die schwarzen Schafe« hieß eine berühmte Erzählung von Heinrich Böll, mit der er einst den Preis der Gruppe 47 gewonnen hatte. Der 1953 erschienene Roman »Und sagte kein einziges Wort« übt Kritik an der sterilen Konsumzivilisation. Ein kritisches Bild der Nachkriegszeit entwirft auch Bölls Roman »Haus ohne Hüter«.
Ein positives Gegenbild entwarf Böll mit seiner Erzählung »Das Brot der frühen Jahre« von 1955. Die unwirtliche Realität wird, etwas märchenhaft, wie häufig bei Böll, dort in der individuellen Liebesbeziehung überwunden.
[Über Böll lese ich ausführlich in der 7. Vorlesung]

Wolfgang Koeppen
Wolfgang Koeppen war neben Heinrich Böll der wichtigste westdeutsche Romancier dieser Zeit. Er hatte in den dreißiger Jahren beim »Berliner Börsen-Courier« gearbeitet und während des »Dritten Reichs« zwei Romane veröffentlicht: 1934 »Eine unglückliche Liebe« und 1935 »Die Mauer schwankt« [1939 noch einmal unter dem Titel »Die Pflicht« erschienen].
Zwischen 1951 und 1954 erschienen von Wolfgang Koeppen drei Romane: »Tauben im Gras«, »Das Treibhaus« und »Der Tod in Rom«. Koeppen verwendet Stilelemente von Faulkner, Dos Passos und Joyce – Montagetechnik und psychologisch motivierten inneren Monolog – auf souveräne eigene Weise. Er beschreibt in allen drei Romanen bundesrepublikanische Gegenwart und das Herüberwirken nationalsozialistischer Elemente ins private wie öffentliche Leben.

Neben Böll und Koeppen hatten Theodor Plievier, Gert Ledig, Erich Maria Remarque, Willi Heinrich und Hans Werner Richter mit ihren realistischen Kriegsromanen die Sinnlosigkeit und Brutalität des Krieges, Militarismus und Verbrechen in ihrer alltäglichen Erfahrung beschrieben. (Texte aus ihren Büchern in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 1 – 4).

Gerd Gaiser
Gerd Gaiser war der Prototyp eines Romanciers, der das politische Element aus seinem Schreiben heraushalten wollte und statt dessen archaische Ursprünglichkeit und Ungebrochenheit zu evozieren versuchte: Gesundheit, Echtheit, Vertrauen, Heldentum – das sind Vokabeln, mit denen Inhalt und Absicht seines Erzählens charakterisiert werden können. Seine erfolgreichsten Romane sind »Die sterbende Jagd« von 1953 und »Schlußball« von 1958 (Texte von Gaiser in HLA, dtv-Anthologie)

Max Frisch
Max Frisch lieferte 1954 mit »Stiller« und 1957 mit »Homo faber« jenen Romantypus, dessen sprachliche Virtuosität und thematische Problematik – das Zerfallen der modernen Persönlichkeit unter den zunehmend aggressiven Ansprüchen der Gesellschaft – der jungen deutschen Literatur weit voraus waren.
[Über Max Frisch werde ich die 5. Vorlesung halten.]


Neue Töne: moderate Moderne:
Ilse Aichinger, Günter Eich und Ingeborg Bachmann

Ilse Aichinger hatte 1948 ihren ersten Roman »Die größere Hoffnung« veröffentlicht. Ihr moderat modernes Erzählen blieb typisch für Ilse Aichingers Prosa: Immer sucht sie die Emotionalität ästhetisch zu betonen und zu brechen.
Ihre berühmte »Spiegelgeschichte« von 1952 (in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 2, S. 480 f.) setzt, wie ein Rondo, am Schluß mit der Aufforderung ein: zu beginnen.
Günter Eich hatte seine größten Erfolge mit seinen Hörspielen. Eines seiner berühmtesten Hörspiele war »Träume« von 1950, das jene vielzitierten Schlusszeilen enthält:

»Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für euch
erwerben zu müssen!
Wacht darüber, daß eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der
Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht
erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!«
(in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 2, S. 318)

Ingeborg Bachmann hat sich mit ihren beiden Gedichtbänden »Die gestundete Zeit« (1953) und »Anrufung des Großen Bären« (1956) schnell als Lyrikerin etabliert, ihre Lyrik vermittelte ebensfalls solche Botschaften und Aufforderungen, sich dem äußeren Getriebe der Welt zu verweigern – so in dem Gedicht:

Alle Tage
Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.
(...)
(das ganze Gedicht u.a. Gedichte von IB in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 3, S. 94f.)

Auch Ingeborg Bachmann hat einige wichtige und erfolgreiche Hörspiele geschrieben: 1955 »Zikaden« und 1958 »Der gute Gott von Manhattan«, für das sie den Hörspielpreis der Kriegsblinden erhielt; ihre Dankesrede hieß »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar« (ganz in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 4, S. 342 f.) - daraus: »So kann es (...) nicht die Aufgabe des Schriftstellers sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegzutäuschen. Er muß ihn, im Gegenteil, wahrhaben und noch einmal, damit wir sehen können, wahrmachen. Denn wir wollen alle sehend werden. Und jener geheime Schmerz macht uns erst für die Erfahrung empfindlich und insbesondere für die der Wahrheit. Wir sagen sehr einfach und richtig, wenn wir in diesen Zustand kommen, den hellen, wehen, in dem der Schmerz fruchtbar wird: Mir sind die Augen aufgegangen. Wir sagen das nicht, weil wir eine Sache oder einen Vorfall äußerlich wahrgenommen haben, sondern weil wir begreifen, was wir doch nicht sehen können. Und das sollte die Kunst zuwege bringen: daß uns, in diesem Sinne, die Augen aufgehen. (...) Der Wunsch wird in uns wach, die Grenzen zu überschreiten, die uns gesetzt sind. Nicht um mich zu widerrufen, sondern um es deutlicher zu ergänzen, möchte ich sagen: Es ist auch mir gewiß, daß wir in der Ordnung bleiben müssen, daß es den Austritt aus der Gesellschaft nicht gibt und wir uns aneinander prüfen müssen. Innerhalb der Grenzen aber haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es der Liebe, der Freiheit oder jeder reinen Größe. Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten. Daß wir es erzeugen, dieses Spannungsverhältnis, an dem wir wachsen, darauf, meine ich, kommt es an; daß wir uns orientieren an einem Ziel, das freilich, wenn wir uns nähern, sich noch einmal entfernt.«
In der theatralischen Darstellung von Gleichnissen hatte das groteske Welttheater Friedrich Dürrenmatts mit »Die Ehe des Herrn Mississippi« (1952) und »Der Besuch der alten Dame« (1956) seine ersten großen Erfolge. In den Stücken Eugène Ionescos erschien die bürgerliche Gesellschaft insgesamt als absurdes Theater auch auf deutschen Bühnen. Dem Absurden lieferte auch Wolfgang Hildesheimer Hör- und Theaterspiele, und in absurder Manier schrieb auch der damals noch unbekannte Günter Grass einige kleinere Stücke.
Zur gleichen Zeit ,1955, erschienen Martin Walsers erste Geschichten »Ein Flugzeug über dem Haus«, die noch ganz unter dem Eindruck Kafkas standen. Zwei Jahre später veröffentlichte Walser seinen ersten Roman »Ehen in Philippsburg«, eine Gesellschaftssatire.

Neue Gedichte
In den fünfziger Jahren konstitierte sich zum zweiten Male die deutsche Lyrik der Moderne. Die bekanntesten Beispiele sind Peter Rühmkorf und Hans Magnus Enzensberger.

Peter Rühmkorf
Peter Rühmkorf hat schon früh sein Lied auf die grassierende Benn-Epigonie gesungen:

Lied der Benn-Epigonen
Die schönsten Verse der Menschen
– nun finden Sie schon einen Reim! –
sind die Gottfried Bennschen:
Hirn, lernäischer Leim –
Selbst in der Sowjetzone
Rosen, Rinde und Stamm.
Gleite, Epigone,
ins süße Benn-Engramm.

Wenn es einst der Sänger
mit dem Cro-Magnon trieb,
heute ist er Verdränger
mittels Lustprinzip.
Wieder in Schattenreichen
den Moiren unter den Rock;
nicht mehr mit Rattenscheichen
zum völkischen Doppelbock.

Tränen und Flieder-Möven –
Die Muschel zu, das Tor!
Schwer aus dem Achtersteven
spielt sich die Tiefe vor.
Philosophia per anum,
in die Reseden zum Schluß –:
So gefällt dein Arcanum
Restauratoribus.
(mit anderen Gedichten in in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 4, S. 393)
Rühmkorf nennt Benn einen wichtigen Lehrmeister der Nachkriegslyriker – die ihn freilich viel zu viel imitiert und viel zu wenig erreicht hätten. Auch von Brecht hat Rühmkorf gelernt.
Im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft auf der einen, Poesie und Selbstausdruck auf der anderen Seite hat sich der rationale Aufklärer und engagierte Intellektuelle Peter Rühmkorf sein Leben lang bewegt. Und er hat die alten Texte der deutschen Literatur (Walther von der Vogelweide, Klopstock, Matthias Claudius, Hölderlin, Eichendorff) dem kritischen Sondierungsverfahren der Parodie ausgesetzt und so auf eigene Weise an unsere Zeit weitergereicht. Die parodierenden oder variierenden Verfahren sind Prozesse der kritischen oder, wie Rühmkorfs selbst gern sagt: dialektischen Auseinandersetzung mit dem literarischen Erbe. Sie grundieren Rühmkorfs gesamtes Werk. (Zu Rühmkorf vgl: Peter Rühmkorf: »Das Lied der Deutschen«. Mit einem Essay (über Rühmkorf) von Heinz Ludwig Arnold. Göttinger Sudelblätter, Wallstein Verlag, Göttingen 2000)

Hans Magnus Enzensberger
Hans Magnus Enzensberger steht in der Tradition der gesamten europäischen Literaturmoderne, der er später sein »Museum der modernen Poesie« eingerichtet hat, eine bis heute wichtige (und vor einigen Monaten wieder neu aufgelegte) Lyrik-Anthologie.
1957 erschien Enzensbergers erster und bis heute aggressivster Gedichtband »Verteidigung der Wölfe«; darin steht auch das Gedicht »Geburtsanzeige«:

Wenn dieses Bündel auf die Welt geworfen wird
die Windeln sind noch nicht einmal gesäumt
der Pfarrer nimmt das Trinkgeld eh ers tauft
doch seine Träume sind längst ausgeträumt
es ist verraten und verkauft
(...)
(der ganze Text und andere Gedichte in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 4, S. 168 f.)
Enzensbergers Lyrik signalisierte eine grundsätzliche Veränderung des lyrischen Sprechens: Das mystische Raunen und der bombastische Wortrausch wurden abgelöst von der nüchternen Präzision aufklärerischer Einsprüche.

Günter Grass
Damals schrieb auch Günter Grass seine ersten Gedichte – sein erster Gedichtband »Die Vorzüge der Windhühner« erschien 1956. Darin sein »Kinderlied«:

Kinderlied
Wer lacht hier, hat gelacht?
Hier hat sich’s ausgelacht.
Wer hier lacht, macht Verdacht,
daß er aus Gründen lacht.
(...)
(der ganze Text und andere Gedichte von GG in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 4, S. 171)

Lyrische Experimente
1956 attackierte Hans Magnus Enzensberger in Alfred Anderschs Zeitschrift »Texte und Zeichen« das literarische Experimentieren, vor allem das experimentelle Gedicht. Später wurde das lyrische Experiment auch von Günter Grass spöttisch als »Labordichtung« abgetan: die sprachdemonstrative Literatur und konkrete Poesie von Helmut Heißenbüttel, Franz Mon, Eugen Gomringer. 1954 erschienen »Kombinationen« von Helmut Heißenbüttel und zwei Jahre später«Topographien« (beide Bände in einem wurden erst 2001 wieder aufgelegt in der LyrikEdition 2000, München, PoDE-Verlag: buchmedia]:

Topographien
das Sagbare sagen
das Erfahrbare erfahren
das Entscheidbare entscheiden
das Erreichbare erreichen
das Wiederholbare wiederholen
das Beendbare beenden

das nicht Sagbare
das nicht Erfahrbare
das nicht Entscheidbare
das nicht Erreichbare
das nicht Wiederholbare
das nicht Beendbare

das nicht Beendbare nicht beenden
(diese und andere Texte in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 3, S.175 und 526)
Das sprachdemonstrative Gedicht Helmut Heißenbüttels zeigte die Grenzen des lyrischen Sprechens auf, indem es die traditionelle Dichtungsform sprengte. Es hat damit die literarische Moderne, in der sie eine neue Dimension des Bewusstseins konstituierte, gleichsam kritisch grundiert.

Positionen des Erzählens am Ende der fünfziger Jahre
Hans Erich Nossacks Romane, frühe Auseinandersetzungen mit dem Erlebnis des Krieges und der Saturiertheit der Wohlstandsgesellschaft, übernehmen am entschiedensten den Existentialismus Camus’ und beziehen mit der Zeit eine immer schärfer werdende gesellschaftskritische Position.
Wolfdietrich Schnurre machte vor allem die Kurzgeschichte zum Medium seiner aufklärerischen Absicht: Oft satirisch und zuweilen mit makabrer Intensität fixierte er so die erfahrene Kriegs- und Nachkriegszeit.
Alfred Anderschs Grundmotiv seiner Romane und Erzählungen ist die Flucht aus einengenden sozialen, persönlichen und ideologischen Bindungen. Etwa in seinem Roman »Sansibar oder der letzte Grund« von 1957.
Andersch galt seit seiner Schrift »Deutsche Literatur in der Entscheidung« von 1948 als wichtiger Theoretiker, der einer neuen deutschen Literatur an Jean Paul Sartre orientierte Maßstäbe setzte. Er war auch ein Impresario der neuen Literatur und ihrer wichtigsten Schriftsteller: zuerst, zusammen mit Hans Werner Richter, als Herausgeber des »Ruf«, danach viele Jahre als Rundfunkredakteur und Herausgeber der Reihe »studio frankfurt« (1951 bis 1953) mit Publikationen von unter anderen Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Wolfgang Hildesheimer, Wolfgang Weyrauch, Arno Schmidt und der Zeitschrift »Texte und Zeichen« (1955 – 1957, 16 Hefte).
Schon früh hat Arno Schmidt seine besondere und unverwechselbare Schreibweise gefunden und ist konsequent einen Weg gegangen, der ihn schließlich in eine geradezu beherrschende Außenseiterposition innerhalb der westdeutschen Literatur geführt hat. Seine vielen Erzählungen und Romane zwischen 1949 und 1957 – »Leviathan«, »Brand’s Haide«, »Schwarze Spiegel«, »Aus dem Leben eines Fauns«, »Das steinerne Herz« und »Die Gelehrtenrepublik« – erhalten ihre Bedeutung im wesentlichen von ihrem formalen, genauer sprachlichen Darstellungsprinzip, wobei die sprachlich beabsichtigte Exaktheit identisch wird mit einer phonetischen Schreibweise, deren Erscheinungsform mitgedachte oder mitdenkbare, assoziierte oder assoziierbare Gedanken-, Zitat-, Bewusstseinspartikel sichtbar machen möchte. Auch Schmidt setzte sich schon früh kritisch mit deutscher Vergangenheit und Gegenwart auseinander, doch hat sein eigenwilliges Darstellungsprinzip eine breite Rezeption seines Werks in den fünfziger Jahren eher behindert. Sein Ruhm wuchs später mit der Umfänglichkeit seiner Bücher.

Literarische Ernte der fünfziger Jahre
Am Ende der fünfziger Jahre hatte die neue Literatur der Bundesrepublik sich etabliert. In allen literarischen Gattungen erschienen bedeutende Werke. In der Lyrik Paul Celan, Karl Krolow und Marie Luise Kaschnitz und, aus der DDR in die Bundesrepublik wirkend, Johannes Bobrowski und Peter Huchel durch. Max Frisch und vor allem Friedrich Dürrenmatt schrieben jene wichtigen Stücke, die für einige Jahre Formen und Stoffe des Theaters bestimmten.
Günter Grass veröffentlichte 1959 den Roman »Die Blechtrommel«. Er entlarvte darin das immer noch fatalistisch als Pandämonium verstandene »Dritte Reich« als ein Resultat kleinbürgerlicher Inferiorität und bürgerlicher Sekurität und Feigheit. [Von Grass handelt meine 8. Vorlesung.]
Martin Walser publizierte 1960 den Roman »Halbzeit«, in dessen Mittelpunkt der Intellektuelle Anselm Kristlein steht. An ihm demonstrierte Martin Walser die Zerrissenheit des modernen Menschen in viele Abhängigkeiten – Dividualität war Walsers Schlagwort für die Befindlichkeit des Menschen, dem die Individualität abhanden gekommen ist.
Uwe Johnson machte die Teilung Deutschlands zum Thema: 1959 in »Mutmassungen über Jakob« und 1961 im »Dritten Buch über Achim«.
[Über Uwe Johnson spreche ich in meiner 9. und letzten Vorlesung.]