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Die listige Vernunft der Poesie

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Das Theater des Friedrich Dürrenmatt

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Was bin ich?

19.05.2003
Krieger, Waldgänger, Anarch

12.05.2003
Über den RUF und die Gruppe 47

05.05.2003
Zur Literatur der 50er Jahre

28.04.2003
Die deutsche Literatur seit 1945: Nachkriegszeit

Erste Vorlesung, 28. April 2003

Die deutsche Literatur seit 1945: Nachkriegszeit
Aufriss

Vorbemerkung
Der Krieg hatte die größte Zäsur des Jahrhunderts gesetzt, Veränderungen und Neuerungen auf vielen Feldern. Das gilt auf ganz besondere Weise für Deutschland, das der von ihm begonnene Krieg von der nationalsozialistischen Diktatur befreit hatte.
Wunsch nach Neubeginn, die Vorstellung von einem Null-Punkt eine Illusion.
Eine tabula rasa in der Politik gab es nicht und wurde auch gar nicht erst versucht. Der Schatten, den das „Dritte Reich“ auf die Bundesrepublik Deutschland warf, war lang und dunkel.
Auch in Kunst und Literatur blieb erst einmal vieles beim Alten. Die Moderne mußte aufs neue erobert und durchgesetzt werden. Viele junge Intellektuelle und Schriftsteller zogen aus der Vergangenheit die Konsequenz und wollten ihre Arbeit künftig im Bewußtsein der historischen Schuld leisten.
Wolfdietrich Schnurre: “Wir können den Zusammenbruch einer Scheinwelt nicht überlebt haben, nur, um auf ihren Trümmern eine neue Welt des Scheins zu errichten. Und daher hat auch nur der heute ein Recht zu schreiben und vor die Öffentlichkeit zu treten, der, was er sagt, aus dem Wissen geschöpft hat, das die jüngste Vergangenheit ihm aufbürdete.“ (der ganze Text in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 1, S. 321 f.)

Zeitschriftenboom 1945 bis 1948
Die Zeitschrift „Der Ruf“ war eine von etwa 1400 Zeitschriften, die kurz nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ die mediale Infrastruktur in Deutschland neu begründeten: neben der Fachpresse 187 religiöse, 119 politische und einige Dutzend literarische Zeitschriften.
Die meisten verschwanden 1948 sehr schnell, die Auflagen der wichtigsten Kulturzeitschriften gingen erheblich zurück: „Die Wandlung hatte vor 1948 35 000 Exemplare, danach nur noch 14 000; die Monatsschrift für Literatur und Politik „Das Goldene Tor“, herausgegeben von dem aus dem Exil zurückgekehrten Schriftsteller Alfred Döblin, ging von über 30 000 auf 8000 Exemplare zurück und ‚starb‘ 1951; „Der Standpunkt“ hatte bis 1948 eine Auflage von 55 000 Exemplaren und ging dann sofort ein; und der „Ruf" erreichte mit einigen Ausgaben Auflagen von 120 000, im Durchschnitt bis zu 60 000 Exemplaren; er wurde 1949 eingestellt.
Die Zeitschriften und bald auch Zeitungen (FAZ, SZ, SPIEGEL, ZEIT usw.) stellten eine bürgerliche Öffentlichkeit her, die es unter den Nazis nicht geben konnte.

Zum Beispiel „Der Ruf. Unabhängige Blätter der jungen Generation“
Der von den Schriftstellern Hans Werner Richter und Alfred Andersch 1946 gegründete „Ruf“ vertrat am radikalsten die Überzeugung von der Notwendigkeit eines grundsätzlichen Neuanfangs in Gesellschaft, Politik und Kultur. Mitarbeiter u.a.: die Schriftsteller Walter Kolbenhoff und Horst Lange, der Jurist Friedrich Minssen, die Publizisten Walter Maria Guggenheimer, Nicolaus Sombart, Gustav René Hocke, der spätere Verleger Heinz Friedrich, der spätere Herausgeber des MERKUR Hans Schwab-Felisch.
1946 formulierte Herausgeber Hans Werner Richter programmatisch: „Vor dem rauchgeschwärzten Bild dieser abendländischen Ruinenlandschaft...verblassen alle Wertmaßstäbe der Vergangenheit. Jede Anknüpfungsmöglichkeit nach hinten, jeder Versuch, dort wieder zu beginnen, wo 1933 eine ältere Generation ihre kontinuierliche Entwicklungslaufbahn verließ, um vor einem irrationalen Abenteuer zu kapitulieren, wirkt angesichts dieses Bildes wie eine Paradoxie. – Aus der Verschiebung des Lebensgefühls, aus der Gewalt der Erlebnisse, die der jungen Generation zuteil wurden und die sie erschütterten, erscheint ihr heute die einzige Ausgangsmöglichkeit einer geistigen Wiedergeburt in dem absoluten und radikalen Beginn von vorn zu liegen.“
Weil der RUF zum Beispiel die „re-education“-Politik der Amerikaner kritisierte, wurde Hans Werner Richter und Alfred Andersch, nach nur 16 Nummern, das publizistische Forum des „Ruf“ im April 1947 entzogen.
Richter konzipierte eine neue Zeitschrift, ihr Titel: „Der Skorpion“. Doch Richter fand für den „Skorpion“ keinen Verlag. Das Treffen im Herbst 1947, zu dem Richter die Mitarbeiter des geplanten „Skorpion“ eingeladen hatte, um gemeinsam ihre Manuskripte für die neue Zeitschrift zu diskutieren, wurde zur ersten Tagung der Gruppe 47, die für die Entwicklung der neuen deutschen Literatur von so entscheidender Bedeutung werden sollte.
Ausführlich auf RUF und GRUPPE 47 komme ich in einer späteren Vorlesung zurück.

Fragen nach der deutschen Schuld
Marie Luise Kaschnitz‘ Essay „Von der Schuld“ (1945): „Und was tatest Du? Allerorten hören wir jetzt diese Frage, die uns seltsam anmutet aus Menschenmund, weil sie in ihrem schweren und tiefen Klang doch eigentlich jener höheren Prüfung zusteht, die sich am Ende allen Lebens vollzieht und die wir das Jüngste Gericht nennen. Da sie uns aber von Menschen vorgelegt wird, widerstrebt es uns fast, uns rechtfertigen zu sollen. Denn wir verstehen, daß mit unserer Tat nichts anderes gemeint ist als unser Kampf gegen das Böse schlechthin. Und nur allzurasch will sich ein Trotz erheben gegen die Frager, diese von der Geschichte aufgerufenen Zwischenrichter, von denen nicht einer ohne Sünde sich weiß. usw. (der ganze Text in: HLA: dtv-Anthologie, Bd. 1, S. 13)
Thomas Mann am Tage der deutschen Kapitulation: „Die Lager“, BBC-Rede: „Es tut wohl, zu wissen, daß die überlebenden Insassen der deutschen Konzentrationslager, diese erbarmungswürdigen Reste von Massen unschuldiger Menschen, Männer, Frauen und vieler, vieler Kinder, die an den Schandstätten oft noch im letzten Augenblick, bevor der Retter kam, von der Hand vertierter Zöglinge des Nationalsozialismus einen gräßlichen Tod erlitten haben und deren ausgemergelte Leichname und verkohlte Gebeine man gefunden hat nebst den ingeniösen Vorrichtungen, die zu ihrer Hinmachung dienten, es tut wohl, sag’ ich, zu wissen, daß sie der Gewalt ihrer Quäler entrissen, den Gesetzen der Menschlichkeit zurückgegeben sind.
Das Recht erstickt und die Wahrheit; die Lüge das Wort führend ganz allein; die Freiheit zertrampelt; der Charakter, jede Anständigkeit zermalmt und eine Korruption von oben bis unten, die zum Himmel stank; die Menschen, gedrillt von Kind auf in einem lästerlichen Wahn von Rassensuperiorität, Erwähltheit und Recht auf Gewalt, erzogen zu nichts als Begehrlichkeit, Raub und Plünderung: das war der Nationalsozialismus, und das soll deutsch, soll die der deutschen Natur einzig angemessene Verfassung sein!" (der ganze Text dieser Rede in HLA, dtv-Anthologie 1, S. 55)
Die Alliierten erhoben Anklage in den sogenannten Nürnberger Prozessen im Namen der Millionen Geschundenen und, wie Thomas Mann formulierte, „Hingemachten“.
An dieser Schuld, ob teilnehmend oder nur wegsehend, hatten auch viele jener Schriftsteller teil, die nicht zwölf Jahre zuvor schon aus dem Lande getrieben worden waren. Jene, die aktive Nationalsozialisten waren wie Hanns Johst, Heinrich Anacker, Hans Friedrich Blunck, Will Vesper u.v. a., aber auch jene, die den Nationalsozialisten nahestanden wie beispielsweise Erwin Guido Kolbenheyer, Agnes Miegel und Hans Grimm, verstummten oder kamen erst Jahre später mit Rechtfertigungsbiographien heraus. Andere rechneten sich der sogenannten „Inneren Emigration“ zu, darunter Werner Bergengruen, Georg Britting, Ina Seidel, Rudolf Alexander Schröder, Georg von der Vring, Friedrich Georg Jünger, Reinhold Schneider. Aber auch die jüngeren Schriftsteller wie Günter Eich, Peter Huchel, Karl Krolow und Rudolf Hagelstange hatten schon im „Dritten Reich“ publiziert, mußten, um veröffentlichen zu können, Kompromisse schließen, und die meisten von ihnen waren auch Mitglieder in der Reichsschrifttumskammer gewesen [all ihre Biographien sind nachzulesen in einem interessanten Buch: Hans Sarkowicz und Alf Mentzer: „Literatur in Nazi-Deutschland. Ein biografisches Lexikon“, Europa Verlag, Hamburg, Wien, 2000]. Aber auch Wolfgang Borchert, der mit Erzählungen, Gedichten und vor allem 1947 mit seinem Stück und Hörspiel „Draußen vor der Tür" Aufsehen erregte, hatte sich einst als Mitglied der Reichsschrifttumskammer beworben, wurde aber von den Nazis wegen „Äußerungen gegen Staat und Partei“ verhaftet und zur „Frontbewährung“ verurteilt.

Konventionelle Lyrik und falsche Idealität
Die literarische Auseinandersetzung mit dem „Dritten Reich“ wurde vorerst geführt mit konventionellen traditionalistischen Entwürfen.
In solcher Dichtung erscheint die schlimme Wirklichkeit als Verhängnis, als Natur-Katastrophe, als unveränderliches Faktum und hinzunehmendes Fatum, demgegenüber, wie Bergengruen 1947 in seiner Rede „Am Anfang war das Wort“ (erschienen Freiburg 1948) sagte, „Wort und Geist in ihre alte Würde zu „bringen“ seien, um sie vor der verhängnisvollen Welt zu bewahren – eine apologetische Haltung, die leugnet, daß Dichtung auch Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit des gerade überstandenen „Dritten Reichs“ gewesen war und dessen kulturellen Schein mit ausstaffiert hatte.
Werner Bergengruen war im „Dritten Reich“ ein bekannter Schriftsteller, publizierte1935 den Roman „Der Großtyrann und das Gericht“, der von einigen als Widerstandsliteratur gelesen und gleichzeitig vom „Völkischen Beobachter“ als „Führerromen“ gepriesen wurde.
In Bergengruens 1945 erschienenem Gedichtzyklus "Dies irae" sagt B. den „Völkern der Welt“, daß „wir“, also die Deutschen, für „euch und eure Verschuldung“ mitgelitten hätten.
Dieser Zyklus wird eröffnet von dem Gedicht „Die Lüge“:

Die Lüge
Wo ist das Volk, das dies schadlos an seiner Seele ertrüge?
Jahre und Jahre war unsre tägliche Nahrung die Lüge.
Festlich hoben sie an, bekränzten Maschinen und Pflüge,
sprachen von Freiheit und Brot, und alles, alles war Lüge.
Borgten von heldischer Vorzeit aufrauschende Adlerflüge,
rühmten in Vätern sich selbst, und alles, alles war Lüge.
Durch die Straßen marschierten die endlosen Fahnenzüge,
Glocken dröhnten dazu, und alles, alles war Lüge.
Nicht nach totem Gesetz bemaßen sie Lobspruch und Rüge,
Leben riefen sie an, und alles, alles war Lüge.
Dürres sollte erblühn! Sie wußten sich keine Genüge
in der Verheißung des Heils, und alles, alles war Lüge.
Noch das Blut an den Händen, umflorten sie Aschenkrüge,
sangen der Toten Ruhm, und alles, alles war Lüge.
Lüge atmeten wir. Bis ins innerste Herzgefüge
sickerte, Tropfen für Tropfen, der giftige Nebel der Lüge.
Und wir schrieen zur Hölle, gewürgt, erstickt von der Lüge,
daß im Strahl der Vernichtung die Wahrheit herniederschlüge.
(in HLA, dtv-Anthologie Bd. 1, S. 28 un d 29)

In ebensolcher Tradition steht Rudolf Hagelstanges „Venezianisches Credo“, das 1945 erstmals in einem Privatdruck und 1946 im Buchhandel erschien, wo es binnen weniger Jahre eine Auflage von über 50.000 Exemplaren erreichte:

Wir wissen nicht mehr, Ja und Nein zu sagen,
weil wir des Zieles nicht mehr sicher sind.
Und wenn wirs sagen, sind wir wie ein Kind,
das nur gelernt hat, auf der Großen Fragen

willkommene Antwort reden, ohne zu verstehen,
was es denn sagt und wem es damit dient.
Und wenn Ihr Widerspruch zu üben schient,
so wars nicht, ohne hinter Euch zu sehen,

wo einer flüsterte. Denn, ach, allein
seid Ihr gelähmt bis in das Mark der Seele
und wartet voller Inbrunst auf Befehle,

um, wie Ihr wähnt, geschirmt und stark zu sein.
Der Markt war Euer Platz, das Glück die Menge.
Die Freiheit aber darbte in der Enge.
(mehr in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 1, S. 30)

Rettung des Geistes, des Worts, der Dichtung, ichbezogene Einkehr und demutsvolle Haltung, Einsamkeit in Freiheit und christliches Schuldbekenntnis sind jene traditionellen Schablonen, mit denen viele traditionelle Autoren auch nach 1945 ihre wirklichkeitsferne, weltabgewandte metaphysische Lyrik ausstatteten und ihre apologetische Vergangenheitsbewältigung betrieben.

Neue lyrische Töne
Die neue Lyrik signalisierte diese Veränderungen auch durch formale Brechungen und die Auflösung althergebrachter Formen, durch sprachliche Radikalität - durch eine neue Sprache, wie sie in Stephan Hermlins „Ballade von den alten und neuen Worten“ zwar gefordert, aber noch nicht selbst im Gedicht gestaltet wird:

Ich weiß, daß sie nicht mehr genügen,
Weil die Erde mich noch trägt,
Weil die alten Worte lügen,
Weil der Unschuld die Stunde schlägt,
Ich weiß, daß sie nicht mehr genügen.

Genügen können nicht mehr die Worte,
Die mir eine Nacht verrät,
Die beflügelte Magierkohorte,
Wie vom Rauch der Dämonen umdreht,
Genügen können nicht mehr die Worte.
Daß an meinen Worten ich leide!
Und die Worte waren schön ...
Meine Worte waren wie beide,
Tag und Nacht, wenn sie beide vergehn.
Daß an meinen Worten ich leide!

Drum gebt mir eine neue Sprache!
Ich geb euch die meine her.
Sie sei Gewitter, Verheißung, Rache,
Wie ein Fluß, ein Pflug, ein Gewehr.
Drum gebt mir eine neue Sprache!
(...)
(der ganze Text in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 1, S. 36 f.)

Günter Eich vollzog in einigen Gedichten jenen Traditionsbruch, den Hermlin nur benannt hat. Eichs Gedicht „Inventur“ wird noch heute als Muster dieser neuen Sprechweise in allen Lesebüchern zitiert. Auch in seinem Gedicht „Latrine" artikulierte er den notwendigen Bruch der literarischen und damit im weiteren Sinne kulturellen Konvention:

Latrine
Über stinkendem Graben,
Papier voll Blut und Urin,
umschwirrt von funkelnden Fliegen,
hocke ich in den Knien,

den Blick auf bewaldete Ufer,
Gärten, gestrandetes Boot.
In den Schlamm der Verwesung
klatscht der versteinte Kot.

Irr mir im Ohre schallen
Verse von Hölderlin.
In schneeiger Reinheit spiegeln
Wolken sich im Urin.

„Geh aber nun und grüße
die schöne Garonne -“
Unter den schwankenden Füßen
schwimmen die Wolken davon.
(weitere Texte in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 1, S. 207 et al.)

Günter Eich hat nur wenige Gedichte wie „Inventur“ und „Latrine“ geschrieben: als deutliche Signale für eine veränderte Bewußtheit von der veränderten Welt.
Die traditionelle Naturlyrik wurde, wie von Albrecht Goes noch 1946, in Gegensatz zur 1933 von den Nazis und ihren Anhängern verbrannten und aus Deutschland vertriebenen „Asphaltliteratur“ gebracht, als deren positiver Antipode - Zitat Goes: „Der Geist der Städte ist hurtig und kalt, der Geist der Gärten ist milde und geduldig, wir brauchen die Milde und die Geduld.“ (Albrecht Goes“Von Mensch zu Mensch“, Berlin 1949 – vgl. HLA: „Die westdeutsche Literatur 1945 – 1990“, München 1998)


Rückkehr aus dem Exil
Die zwölf Jahre des nationalsozialistischen Terrors hatten tiefe Gräben gerissen zwischen in Deutschland Gebliebenen und ins Exil Verjagten. Die meisten wichtigen deutschen Schriftsteller waren 1933 aus dem Lande vertrieben worden, darunter die großen Romanciers: die Brüder Thomas und Heinrich Mann, Alfred Döblin, Arnold Zweig, Anna Seghers, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, Stefan Zweig, der sich im Exil tötete, Hermann Broch, Oskar Maria Graf u.v.a. Sie waren in die verschiedensten Länder geflohen, nach Mexiko und in die Vereinigten Staaten von Amerika, nach Palästina und in die Sowjetunion – doch Heimat fand da keiner von ihnen wirklich.
Zwei Autoren haben beschrieben, wie sie Deutschland erlebten, als sie wieder in ihre Heimat zurückkehrten: Alfred Döblin und Anna Seghers.
Alfred Döblin verließ Berlin 1933. Bis 1940 lebte er als französischer Staatsbürger im Dienste des französischen Informationsministerium in Paris. 1940 floh er vor den nach Frankreich einmarschierenden Truppein die USA. Döblin kehrte im Herbst 1945 in der Uniform eines französischen Obersten nach Deutschland zurück und arbeitete in Baden-Baden am Wiederaufbau des Landes mit. 1953 zog er nach Paris, wo er bis zu seinem Tode 1957 isoliert lebte. In seinem Bericht „Als ich wiederkam...“ schrieb er über den zynischen Empfang, der vielen Exilierten bereitet wurde von jenen Schriftstellern und Publizisten, die in Deutschland geblieben waren und die nun ihre „innere Emigration“ ausspielten gegen die exilierten Schriftstellern:
"Und als ich wiederkam, da – kam ich nicht wieder. Es gibt einen schönen amerikanischen Roman mit dem Titel: 'Du kannst nicht nach Hause zurück.' Warum kann man nicht? Du bist nicht mehr der, der wegging, und du findest das Haus nicht mehr, das du verließest. Man weiß es nicht, wenn man weggeht; man ahnt es, wenn man sich auf den Rückweg macht, und man erfährt es bei der Annäherung, beim Betreten des Hauses. Dann weiß man alles, und siehe da: noch nicht alles.
(...)
Nun fahre ich, geographisch, zurück. Am Bahnhofsplatz in Straßburg sehe ich Ruinen, wie im Inland: Ruinen, das Symbol der Zeit. Und da der Rhein. Was taucht in mir auf? Ich hatte für ihn geschwärmt, er war ein Wort voller Inhalte. Ich suchte die Inhalte. Mir fällt Krieg und strategische Grenze ein, nur Bitteres. Da liegt wie ein gefällter Elefant die zerbrochene Eisenbahnbrücke im Wasser. (...)
Ich fahre zusammen: man spricht neben mir deutsch. Daß man auf der Straße deutsch spricht! Ich sehe nicht die Straßen und Menschen, wie ich sie früher vorher sah; auf allen liegt wie eine Wolke, was geschehen ist und was ich mit mir trage: die düstere Pein der zwölf Jahre. Flucht nach Flucht. Manchmal schaudert’s mich, manchmal muß ich wegblicken und bin bitter.
Dann sehe ich ihr Elend und sehe, sie haben noch nicht erfahren, was sie erfahren haben. Es ist schwer. Ich möchte helfen." (der ganze Text in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 1, S. 86 f.)

(Aufschlußreich für diese Debatte ist übrigens der offene Briefwechsel, der 1945 zwischen den in Deutschland gebliebenen Schriftstellern Walter von Molo und Frank Thiess und Thomas Mann geführt wurde - nachzulesen in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 1, S. 57 f.)].
Anna Seghers wurde nach der Rückkehr aus dem mexikanischen Exil zu einer der tragenden Gestalten im Kulturleben der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR. Anna Seghers wurde 1952 Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der DDR und war es bis 1978; sie starb hochgeehrt 1983 in Berlin. Ihr Text „Die Unschuldigen“ von 1946 beschreibt die Situation sehr genau: „Ich traf nur Leute, die dagegen gewesen waren.“ (der ganze Text in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 1, S. 99 f.)

Spaltung von Staat, Gesellschaft und Literatur
Für die junge westdeutsche Literatur, die sich ja erst entwickelte und ihren zentralen Ort für fast zwei Jahrzehnte in der Gruppe 47 hatte, gab es in den vierziger und fünfziger Jahren keinen traditionsbildenden Brückenschlag zu der im nationalsozialistischen Deutschland verbliebenen Literatur.
In der DDR wurden die sozialistischen oder dem Sozialismus nahestehenden Schriftsteller des Exils als Begründer und Wahrer einer neuen sozialistischen (DDR-)Nationalliteratur aufgenommen. Z.B. Erich Weinert, Ludwig Renn, Anna Seghers, Bertolt Brecht, Friedrich Wolf, Willi Bredel, Hans Marchwitza, Bodo Uhse und Eduard Claudius. Heinrich Mann war vorgesehen als Präsident der DDR-Akademie der Künste, doch starb er, 1950, bevor er aus dem amerikanischen Exil in Los Angeles nach Berlin aufbrechen konnte.
Die Literaturen in den drei Westzonen, der späteren Bundesrepublik Deutschland, und der sowjetisch besetzten Zone, der späteren DDR, entwickelten sich auseinander.
Schriftsteller aus beiden Lagern trafen sich vom 4. bis 8. Oktober 1947 ein letztes Mal zu einem gemeinsamen Kongreß. Veranstaltet von dem berufspragmatisch orientierten Berliner "Schutzverband Deutscher Autoren" (SDA) und den von Kommunisten geleiteten "Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands".
Dieser 1. (und letzte) gemeinsame Deutsche Schriftstellerkongreß, zu dem sich 260 Schriftsteller aus West und Ost in Berlin einfanden, um die Einheit der deutschen Kultur zu manifestieren, war Geisterbeschwörung und Zukunftsmalerei in einem. Weder der Zusammenschluß der „geistigen Kräfte“ noch die von Johannes R. Becher in einer „stürmisch gefeierten“ Rede geforderte „selbständige deutsche Haltung, die in einer nationalen Einheit Deutschlands ihren Ausdruck findet“, wurde Realität, sondern das Gegenteil: die Spaltung Deutschlands und seiner Kultur.
Die grundsätzliche ideologische Differenz: der 24jährige Wolfgang Harich forderte in parteilicher Entschiedenheit, der Schriftsteller habe da „staatserhaltend“ zu sein, wo der Staat „das Konstruktive, Gute, Aufbauende, Fortschrittliche im Wachsen und Werden“ repräsentiere - also in der Sowjetunion. Und der 27jährige amerikanische Publizist Melvin Lasky sprach von der Unterdrückung der Schriftsteller in der Sowjetunion, von totalitärem Staat, Zensur und Diktatur, und forderte: „Der freie Schriftsteller in der wahren Demokratie ist kein Werkzeug der Regierung und der Diplomaten. ... Ein Schriftsteller darf seine Bücher und Artikel verkaufen, aber nicht sich selbst.“

Gottfried Benns autonomes Gedicht
Der einzige deutsche Lyriker, der, schon in den zwanziger Jahren berühmt, während des „Dritten Reichs“ in Deutschland geblieben war und nach 1945 erneut zu Ruhm kam, war Gottfried Benn. Konstant folgte er seinem poetologischen Credo von autonomer und monologischer Kunst, vom ‚absoluten Gedicht‘, das er 1951 in „Probleme der Lyrik“ als „das Gedicht ohne Glauben, das Gedicht ohne Hoffnung, das Gedicht an niemanden gerichtet“ bestimmte.
Benn formulierte damit wesentliche ästhetische Ansätze und gab zahlreiche Beispiele für eine Poesie der Moderne, wie sie von Paul Valéry und am radikalsten schon lange vor Valéry von Stephane Mallarmé ausgerufen und geschrieben wurde.
Gottfried Benn hatte das „Dritte Reich“ anfangs als Aufbruch in eine neue Zeit gefeiert. Er geriet als expressionistischer Dichter ins Visier der Nazis und zog sich bereits 1934 in die „aristokratische Form der Emigrierung“ zurück, er ging als Stabsarzt zur Deutschen Wehrmacht.
1959 erschien Benns großer Prosatext „Doppelleben“ in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 2, S. 200 f.), in dem Benn aus seiner eogzentrierten Perspektive Rechenschaft gab von seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus. „Doppelleben“ ist die Fortsetzung von „Lebensweg eines Intellektualisten“ (1934) der bereits den Rückzug von seiner Engagiertheit an die neue Macht reflektiert. Seine Zeit während des "Dritten Reichs" ist auch Thema und Anlaß zu dem lyrischen Zyklus „Epilog“ von 1949:

Die trunkenen Fluten fallen -
die Stunde des sterbenden Blau
und der erblaßten Korallen
um die Insel von Palau.

Die trunkenen Fluten enden
als Fremdes, nicht dein, nicht mein,
sie lassen dir nichts in Händen
als der Bilder schweigendes Sein.

Die Fluten, die Flammen, die Fragen -
und dann auf Asche sehn:
„Leben ist Brückenschlagen
über Ströme, die vergehn.“
(der ganze Text in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 2, S. 132 f.)

Ein ganz anderes Gedicht, frei vom betörenden Klang der schönen Reime, ist das 1950 entstandene "Fragmente"

Fragmente,
Seelenauswürfe,
Blutgerinnsel des zwanzigsten Jahrhunderts -

Narben - gestörter Kreislauf der Schöpfungsfrühe,
die historischen Religionen von fünf Jahrhunderten zertrümmert

die Wissenschaft: Risse im Parthenon,
Planck rann mit seiner Quantentheorie
zu Kepler und Kierkegaard neu getrübt zusammen -

aber Abende gab es, die gingen in den Farben
des Allvaters, lockeren, weitwallenden,
unumstößlich in ihrem Schweigen
geströmten Blaus,
Farbe der Introvertierten,
da sammelte man sich
die Hände auf das Knie gestützt
bäuerlich, einfach
und stillem Trunk ergeben
bei den Harmonikas der Knechte -

und andere
gehetzt von inneren Konvoluten,
Wölbungsdrängen,
Stilbaukompressionen
oder Jagden nach Liebe.

Ausdruckskrisen und Anfälle der Erotik:
das ist der Mensch von heute,
das Innere ein Vakuum,
die Kontinuität der Persönlichkeit
wird gewahrt von den Anzügen,
die bei gutem Stoff zehn Jahre halten.

Der Rest Fragmente,
halbe Laute,
Melodiensätze aus Nachbarhäusern
Negerspirituals
oder Ave Marias.
(in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 1, S. 303)

Benn schloß dieses Gedicht im Juni 1950 ab, ein Jahr später erschien der Band, dem es seinen Titel gab: "Fragmente" - ein Titel voller Zeitgeist.
Der späte Ruhm Benns setzte erst 1951 ein, als die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung ihn mit dem Büchnerpreis auszeichnete. "Fragmente" ist das bemerkenswerteste Gedicht dieser Zeit aus der Gruppe jener reimlosen Gedichte, von denen Benn seinem langjährigen Briefpartner Oelze selbstkritisch und ironisch schrieb: "Die neuen sogenannten Gedichte sind ja wohl alle eines Akademikers u. Olympiers unwürdig." Nicht Ausdruckskunst, sondern "Ausdruckskrisen".

Radikal neue Töne von großer lyrischer Kraft, aber einer ganz anderen Poetologie folgend, kamen von zwei jüdischen Dichtern: Nelly Sachs und Paul Celan, die sich mit ihrem Werk freilich erst viele Jahre später durchsetzten.

Nelly Sachs
Nelly Sachs' freie lyrische Formen nennen beschwörend das Unaussprechliche, Unvergleichbare, den organisierten Völkermord, ihre Gedichte sind gespeist von jüdischer Mystik und von realistischen Bildern des Grauens, sie bewahren die Erinnerung an die Ermordeten häufig in Formen auf, die an Gebete gemahnen - zum Beispiel im Gedicht „In den Wohnungen des Todes“ aus dem gleichnamigen Gedichtband von 1947, das mit einem Motto aus Hiob beginnt:

„Und wenn diese meine Haut zerschlagen sein wird,
so werde ich ohne mein Fleisch Gott schauen“

O die Schornsteine
Auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes,
Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch
Durch die Luft -
Als Essenkehrer ihn ein Stern empfing
Der schwarz wurde
Oder war es ein Sonnenstrahl?

O die Schornsteine!
Freiheitswege für Jeremias und Hiobs Staub -
Wer erdachte euch und baute Stein auf Stein
Den Weg für Flüchtlinge aus Rauch?

O die Wohnungen des Todes,
Einladend hergerichtet
Für den Wirt des Hauses, der sonst Gast war -
O ihr Finger,

Die Eingangsschwelle legend
Wie ein Messer zwischen Leben und Tod -

O ihr Schornsteine,
O ihr Finger,
Und Israels Leib im Rauch durch die Luft!
(in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 1, S. 293)

Nelly Sachs war erst 1940 aus Deutschland nach Schweden geflohen, die Mordmaschinerie der Nazis begann damals auf vollen Touren zu laufen, In ihren Vernichtungslagern, so schrieb Nelly Sachs, ist der Tod der Wirt, sie wurden nicht fürs Leben, sondern für den Tod errichtet.

Paul Celan
Paul Celans Gedicht "Todesfuge" ist schon 1945 entstanden und hieß ursprünglich "Todestango“, es ist Celans berühmtestes Gedicht.
1958, in seiner Rede zum Bremer Literaturpreis, sagte er über sein Verhältnis zur deutschen Sprache: „Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache. - Sie, die Sprache, blieb unverloren, ja, trotz allem. Aber sie mußte nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine Worte her für das, was geschah; aber sie ging durch dieses Geschehen. Ging hindurch und durfte wieder zutage treten, ‚angereichert‘ von all dem.“ (der ganze Text in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 4, S. 260 f.)
Die Gedichte von Nelly Sachs und Paul Celan waren damals noch nicht vielen Lesern zugänglich, wurden eher an entlegenen Orten publiziert. Aber auch die „Gruppe 47“ nahm Paul Celans Gedichte eher mit Unverständnis auf.

Günter Eich
Fern der Wirklichkeit hatte im Dritten Reich das Naturgedicht eine bloß scheinhafte Unschuld. In seinem Gedicht „Die Häherfeder“ aber führt Günter Eich vor, wie das moderne Gedicht Elemente der Natur nutzen und zugleich Natur als Fluchtort und Sinngeber menschlicher Existenz fragwürdig machen kann:

Ich bin, wo der Eichelhäher
zwischen den Zweigen streicht,
einem Geheimnis näher,
das nicht ins Bewußtsein reicht.

Es preßt mir Herz und Lunge,
nimmt jäh mir den Atem fort,
es liegt mir auf der Zunge,
doch gibt es dafür kein Wort.

Ich weiß nicht, welches der Dinge
oder ob es der Wind enthält.
Das Rauschen der Vogelschwinge,
begreift es den Sinn der Welt?

Der Häher warf seine blaue
Feder in den Sand.
Sie liegt wie eine schlaue
Antwort in meiner Hand.
(in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 1, S. 494)

Das bloße Beschwören der Natur kann dem lyrischen ICH nicht weiterhelfen, in der Natur findet der Lyriker keine Antwort auf die Fragen der Menschenwelt.

Paul Celan, Nelly Sachs, ganz anders Gottfried Benn und in Ansätzen Günter Eich schrieben Gedichte jenseits der damals herrschenden Konvention, und doch nahmen sie nur moderne Formen des lyrischen Sprechens wieder auf, die es schon einmal gegeben hatte: in der frühen Moderne am Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich und zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Zum zweiten Mal seit Beginn des Jahrhunderts mußte sich die deutsche Literatur auf den Weg machen, um Anschluß an die europäische Moderne zu gewinnen, welche die Nazis vernichtet hatten.
Dies aber war nun nach der Vernichtung des europäischen Judentums durch das nationalsozialistische Deutschland nicht mehr bloß eine Frage der Ästhetik. Am schärfsten bezeichnete Theodor W. Adorno den Zivilisationsbruch, den die Shoa im Bewußtsein der Menschen verursacht hatte, für deren Ursachen er Ausdruck war. Adorno machte deutlich, daß Dichtung nach Auschwitz einerseits des Genozids und der Shoa eingedenk sein müsse, andererseits ihre Mittel aber nie und nimmer hinreichen könnten, um das Ausmaß des Geschehenen - äußerlich wie innerlich - auch nur einigermaßen angemessen auszudrücken. Diese Aporie formulierte er in der so oft zitierten wie auch simplifiziert mißgedeuteten Passage seines Essays "Kulturkritik und Gesellschaft" von 1951:
"Je totaler die Gesellschaft, umso verdinglichter auch der Geist und umso paradoxer sein Beginnen, der Verdinglichung aus eigenem sich zu entwinden. Noch das äußerste Bewußtsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten. Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben. Der absoluten Verdinglichung, die den Fortschritt des Geistes als eines ihrer Elemente voraussetzte und die ihn heute gänzlich aufzusaugen sich anschickt, ist der kritische Geist nicht gewachsen, solange er bei sich bleibt in selbstgenügsamer Kontemplation." (der ganze Essay Adornos in HLA, dtv-Anthologie, Bd. 2, S. 363 ff.)